Monday, July 12, 2010 -
Nach der tollen Saison 2009/10, laufen nunmehr bereits die Vorbereitungen für die kommende Bundesliga-Spielzeit auf vollen Touren, die 45. seit der Gründung der Liga 1966/67. Erneut darf man auf eine spannende, vielleicht sogar dramatischen Saison hoffen. Die Liga scheint wieder extrem ausgeglichen besetzt zu sein, so dass 80 Prozent der Spiele durch die Tagesform der Akteure und das glücklichere Händchen im Aufstellungspoker entschieden werden dürften.
Borussia Düsseldorf, der "FC Bayern des deutschen Tischtennissports", sollte auch ohne Seiya Kishikawa das Maß aller Dinge bleiben, zumal mit Vize-Mannschaftsweltmeister Patrick Baum und dem Ungarn Janos Jakab starkes Personal ins Rheinland geholt wurde. An der Bande wird künftig Ex-Borussia-Spieler Danny Heister das Sagen haben. Wenn Megastar Timo Boll pausiert, was vertragsbedingt in der Punktrunde nicht selten der Fall sein wird, ist der Rekordmeister trotz aller Klasse nicht ganz unverwundbar. Allerdings ist der Erfolg der Rheinländer nicht nur am Weltranglistendritten festzumachen, auch Christian Süß überzeugte letzte Saison auf ganzer Linie. Die Borussia geht favorisiert in alle drei Wettbewerbe, wenngleich in der Champions League mit Orenburg und Jekaterinburg („UMMC“) starke Konkurrenz aus Russland am Start sein wird.
Vize-Champion TTF LIEBHERR Ochsenhausen präsentiert eine ganz frische, junge und hoch motivierte Truppe. Nur Tiago Apolonia blieb bei den Oberschwaben, die dessen Landsmann Marcos Freitas aus Jülich und natürlich den letzte Saison so glänzend aufgelegten Seiya Kishikawa unter Vertrag nahmen. Zudem gelang es, mit dem EM-Viertelfinalisten Ruwen Filus einen deutschen Abwehrkünstler mit guten Perspektiven zu verpflichten. Es ist Trainer-Ass Anders Johansson zuzutrauen, aus diesem Quartett ein Team zu formen, das auf Anhieb wieder ganz oben mitspielt. TTF-Chef Rainer Ihle ist von der neuen Mannschaft überzeugt: „Wir sind nicht schwächer besetzt als letzte Saison. Wir wollen erneut die Meisterschafts-Play-Offs, das Pokal-Final-Four und das Viertelfinale der Champions-League erreichen.“
Europapokal-Finalist TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell strebt Ähnliches an und wird sich – im Gegensatz zu sämtlichen Konkurrenten – ausschließlich mit dem bewährten Personal präsentieren. Der grandiose chinesische Defensivcrack Wang Xi, der längst in der Rhön heimisch geworden ist, soll erneut den Takt angeben. Sollten die beiden Schweden – Jan-Ove Waldner und Robert Svensson – wieder in die Erfolgsspur gelangen, steht einer Wiederholung der tollen Saison 2009/10 wenig im Wege. Überhaupt wird es interessant sein, ob Tischtennis-Genie Waldner auch im stolzen Alter von dann 45 Jahren nochmals Gas geben kann. Das begeisterungsfähige osthessische Publikum dürfte wieder seinen Teil zum Gelingen der „Mission Maberzell“ beitragen.
Im Westerwald hat sich Einiges getan. Nunmehr fungiert Anton Stefko beim Play-Off-Halbfinalisten TTC Zugbrücke Grenzau als hauptverantwortlicher Trainer, assistiert von Ex-Chefcoach Chen Zhibin und Spieler-Routinier Lucjan Blaszczyk. Die Mannschaft wurde mit dem international erfahrenen Österreicher Robert Gardos und Kenji Matsudaira, der doch noch seinen Profivertrag im Brexbachtal erhielt, gut verstärkt. Insgesamt könnte man - trotz des Weggangs von Patrick Baum - sogar einen Tick stärker aufgestellt sein als in der abgelaufenen Saison. Play-Off-Teilnahme und Final Four scheinen realistische Ziele zu sein, zudem will man endlich wieder in der Champions League für Furore sorgen.
Nur ganz knapp hatte der bärenstarke Aufsteiger 1. FC Saarbrücken die Meisterschafts-Play-Offs verpasst. Und nun wurde die Qualität der Mannschaft nochmals erhöht: Zu „Leader“ Bojan Tokic gesellen sich Nationalspieler „Basti“ Steger und der spielstarke Portugiese Joao Monteiro, der bereits in Ochsenhausen Bundesligaluft schnuppern konnte und zuletzt in Castelgoffredo in der europäischen Königsklasse glänzte. Hat der Traditionsverein aus dem Saarland, Bundesligagründungsmitglied 1966/67, sein neues „Dream Team“ gefunden? Gleich der Saisonauftakt am 28. August bei Triple-Sieger Düsseldorf wird einen ersten Fingerzeig geben, wie weit nach oben die Reise diesmal gehen könnte.
Ein heißer Play-Off-Anwärter dürfte erstmals aber auch der SV Werder Bremen sein. Mit seinem Landsmann Adrian Crisan hat Trainer Cristian Tamas einen Hochkaräter an die Weser gelotst. Der Weggang von Taku Takakiwa dürfte angesichts der prominenten Neuerwerbung gut zu verkraften sein. Mit Crisan, dem kampfstarken Schweden Jens Lundquist und Dauerbrenner Lars Hielscher sowie Adrian Dodean in der Hinterhand werden die Norddeutschen eine Truppe ins Rennen schicken, die erst einmal bezwungen werden will. Sollte die ambitionierte Werder-Mannschaft von Verletzungspech verschont bleiben, ist ihr diesmal eine Menge zuzutrauen.
Zunächst sah es so aus als würde der SV Plüderhausen einen personellen Aderlass hinnehmen müssen – Jörgen Persson zog es zurück nach Schweden und Jakub Kosowski hatte frühzeitig in Frickenhausen angeheuert. Doch dann kam doch noch alles in Lot: Der fast schon verloren geglaubte „Local Hero“ Aleksandar Karakasevic blieb im Remstal, zudem konnte man „Heimkehrer“ Leung Chu Yan, den Tschechen Jiri Vrablik und das 19-jährige DTTB-Talent Philipp Floritz unter Vertrag nehmen. Mit Trinko Keen heuerte schließlich ein routinierter Bundesligaspieler als „Mann für besondere Fälle“ an.
Auch wenn die TG 1837 Hanau Chiang und Filus abgab und Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf seine aktive Karriere beendete, scheint man beim letztjährigen Seiteneinsteiger und Gönnern-Erben die Qualität des Kaders erhöht zu haben. Aus Jülich kam Spitzenspieler Yang Zi an die Kinzig, aus dem französischen Angers der Champions-League-erprobte „Hanauer Bub“ Thomas Keinath. Der in der Rückrunde bärenstarke Steffen Mengel und Megatalent Patrick Franziska komplettieren das Team der Brüder-Grimm-Städter, die gerade die europaweit renommierte Trainingsgruppe Helmut Hampls von Höchst im Odenwald nach Hanau verlegen, wo künftig sämtliche Spieler leben und trainieren werden. Mit einem "Lauf" könnte man sogar ans Tor zu den Play-Offs anklopfen, bei Verletzungspech oder Formschwäche wichtiger Akteure sich aber auch erneut im Abstiegskampf wiederfinden. Damit rechnet Teammanager Johannes Herrmann aber nicht, der sich ziemlich sicher ist, dass seine Hanauer „mit den Abstiegsrängen diesmal nichts mehr zu tun haben“ werden und als Ziel einen Mittelfeldplatz ausgibt.
Aufsteiger TTC Ruhrstadt Herne bereichert die Liga durch zwei besonders interessante Akteure, der eine debütiert in Europa, der andere zählt seit Jahren zu den beliebtesten Spielern des Kontinents. Aus der chinesischen Superliga wurde der 22-jährige Linkshänder Zhou Bin verpflichtet, der schon äußerst namhafte Asiaten bezwungen hat. Mit dem Tschechen Petr Korbel – zuletzt einer der Leistungsträger des Königsklassen-Finalisten Charleroi – wurde ein Bundesliga-Heimkehrer unter Vertrag genommen, von dem man trotz seiner 38 Jahre noch vorzeigenswerte Leistungen erwarten darf. Die „Schalker“ dürften mit dieser Truppe eigentlich kaum etwas mit dem Abstiegskampf zu tun haben.
Anders verhält es sich vermutlich beim TSV Gräfelfing, der zum zweiten Mal nach 2004/05 sein Glück im Oberhaus versucht. Man möchte den verdienten, erfolgreichen Zweitligaspielern die Chance geben, sich zu beweisen. Allerdings hat man sich eine ganz exotische, externe Nummer eins geangelt. Mit dem international äußerst erfahrenen Kamal Sharath Achanta wird erstmals ein Inder in der deutschen Bundesliga aufschlagen, dem durchaus eine ordentliche Bilanz in der starken Liga zugetraut wird. Zuletzt schlug Achanta im Finale der US Open seinen künftigen Hanauer Widersacher Keinath. Die Bayern gehen zweifellos als „Außenseiter vom Dienst“ in die Saison, werden es ihren Kontrahenten aber in jeder Partie so schwer wie möglich zu machen versuchen – wer sie auf die leichte Schulter nimmt, ist selbst daran schuld.
Rasch noch einige Sätze zu zwei renommierten Klubs, die kommende Saison nicht in der DTTL vertreten sein werden, auch wenn ihre Namen gemeinhin mit Spitzentischtennis in Deutschland in Verbindung gebracht werden.
Nach 33 Jahren (!) in der 1. Tischtennis-Bundesliga zog es den TTC indeland Jülich, der im Oberhaus große Spieler präsentiert und große Spiele gezeigt hat, in die 2. Liga, in deren Nordgruppe eine stark verjüngte, perspektivenreiche Truppe aufschlagen wird. Die Entscheidung stand schon länger fest, obwohl man bis zum letzten Spieltag den sportlichen Klassenerhalt hätte schaffen können. Vielleicht kommt es ja in absehbarer Zeit zu einem Wiedersehen. Wie heißt es so schön in dem gleichnamigen Song: „Niemals geht man so ganz ...“.
Dass der TTC matec Frickenhausen nach verpatzter Rückrunde 2009/10 diesmal eine „Ehrenrunde“ in der 2. Bundesliga drehen muss, ist für den Deutschen Meister der Jahre 2006 und 2007 fraglos bitter. Bei Spielern wie Torben Wosik, Jakub Kosowski oder Krisztian Nagy deutet jedoch einiges darauf hin, dass der „Tälesklub“ - trotz starker Konkurrenz im Süden - schon 2011/12 wieder ganz oben mit dabei sein wird.
Die zehn Teams der Eliteklasse 2010/11 und ihre Fans dürfen sich dagegen aus gutem Grund auf den Startschuss zur Saison freuen, der am letzten August-Wochenende erfolgt. Man braucht kein Prophet zu sein, um davon auszugehen, dass es vom ersten Spieltag an wieder richtig zur Sache gehen wird und die Freude der Sieger wie die Trauer der Besiegten einmal mehr ganz dicht beieinander liegen werden. Eine sportlich hochklassige und emotionale Saison steht in der stärksten Liga Europas zu erwarten.
Quelle: DTTL-Mediendienst; Dr. Stephan Roscher